Philosophie



Traumkleidchen

Irgendwann, vor fünf sechs Jahren muss Zdenka Brock die Schneiderbüste, die sie seit vielen Jahren benützt hatte, um ihre farbenfrohen Jacken und Kimonos zu formen, als Plastik sui generis gegenübergetreten sein, unverhüllt, schwarz, anonym, und entschlossen, ihre dienende Funktion, wenigstens dann und wann, hinter sich zu lassen. Das Kleidermachen hat Zdenka Brock deshalb nicht aufgegeben. Aber sie hat daneben eine andere Möglichkeit entdeckt, mit dem vertrauten Werkzeug aus ihrem Atelier umzugehen. Was einige zeitgenössische Bildhauer mit dem menschlichen Körper getan haben, tut sie mit dessen vereinfachtem, genormten Model: Sie formt es ab. Mit Schichten von dünnem, in Sreifen geschnittenem Papier, die sie als bunte Schale, manchmal mit feiner Spitze überzogen, um den dunklen Kern legt. Von diesem Kern befreit, bleibt eine starre Hülle, wie die Puppenhülle eines Schmetterlings. Hin und wieder ist von seinem Muster etwas im Inneren der Puppe haften geblieben. Und anders als in der Natur hat sie selbst Teil an dem oftmals verschwenderischen Farbenspiel.

Man könnte auch von kleinen Kleiderdenkmälern sprechen, steif und unbeweglich, wie Denkmäler nun einmal sind. Nur nicht so ernst und bedeutungsvoll. Kleider, die ihrer Trägerin verlustig gegangen sind, aber ihre Träume und Erinnerungen bewahrt haben. Erinnerungen an Städte und Landschaften, an einen Sommertag, an eine Melodie vielleicht. Zum Beispiel aus Robert Schumanns op.15 „Von fremden Ländern und Menschen“?

In der Umgebung finden sich weitere Erinnerungen, Relikte, gesammelt, neu zusammengesetzt zu kleinen Bildchen. Assemblagen aus Fundstücken, Fragmente eines Lebens, eines Traums? Von wem geträumt? Die Träumerin hat ihre Kleider abgelegt und wir stehen vor den steif gewordenen Hüllen, verwundert und vielleicht ein wenig amüsiert.

Peter Schmitt




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